Virtual Fencing in Brandenburg: Was die klimarelevante Technik heute schon kann

Virtual Fencing könnte Mob Grazing und Zwischenfruchtbeweidung erleichtern. Ein Feldtag auf Gut & Bösel zeigte Chancen, Grenzen und Praxiserfahrungen mit virtuellen Zäunen in Brandenburg.

Ausgerechnet zum Feldtag am 6. Juli 2026 regnete es im sonst trockenen Alt Madlitz. Das war wohl der Vorführeffekt bei einer Veranstaltung rund um die Frage, wie trockene Weideflächen künftig wirtschaftlich genutzt werden können. Trockenangepasste Rotationsweidesysteme erfordern kleinere Parzellen, längere Ruhezeiten und häufigere Umtriebe. Oder auch das kurzzeitige Zäunen auf Ackerflächen, um zum Beispiel Zwischenfrüchte zu beweiden. Das bedeutet bislang einen höheren Arbeitsaufwand durch das regelmäßige Versetzen der Zäune. Eine Arbeitserleichterung könnten künftig virtuelle Zäune bieten.

Benedikt Bösel, Betriebsleiter von Gut & Bösel, bezeichnete Virtual Fencing zur Begrüßung deshalb als eine der größten klimarelevanten Innovationen für die Weidewirtschaft. Der mögliche Nutzen liegt aus seiner Sicht vor allem in der Arbeit, die dadurch eingespart werden könnte: Wenn sich Weidegrenzen digital verschieben lassen, können Rotationsweiden auch dort umgesetzt werden, wo der tägliche Zaunbau personell oder wirtschaftlich sonst nicht zu bewältigen wäre.

Zum Feldtag eingeladen hatte das Forschungsprojekt DaVaSus, an dem die Finck Stiftung, das Julius Kühn-Institut, das Kuratorium für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft und das Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie beteiligt sind. Auf Gut & Bösel werden im Rahmen des Projekts die Virtual-Fencing-Halsbänder eShepherd des Herstellers Gallagher getestet.

Beim Virtual Fencing werden die inneren Weidezäune als Linie auf einer digitalen Karte eingezeichnet. Ein fester und sicherer Außenzaun bleibt weiterhin notwendig. Die Tiere tragen Halsbänder, die ihre Position erfassen. Nähert sich ein Tier der virtuellen Grenze, gibt das Halsband zunächst ein akustisches Signal ab. Dreht das Tier um, endet das Signal. Läuft es weiter in Richtung der ausgeschlossenen Fläche, folgt ein kurzer elektrischer Impuls. Während einer Trainingsphase lernen die Rinder, den Ton mit der Grenze zu verknüpfen. Reißt ein Tier aus,  erhält die verantwortliche Person eine Meldung auf das Handy. Über das GPS-Signal kann nachvollzogen werden, wo sich das Tier befindet. Die bisherigen wissenschaftlichen Untersuchungen und Praxiserfahrungen zeichnen ein insgesamt positives Bild:

  • Die Rinder lernen meist innerhalb weniger Tage, auf das akustische Signal zu reagieren. (Hamidi et al. 2024)
  • Im Verlauf des Trainings werden deutlich weniger elektrische Impulse ausgelöst.  (Hamidi et al. 2024)In den bisherigen Studien wurden keine erhöhten Stresswerte oder Leistungseinbußen gegenüber konventionellen Elektrozäunen festgestellt. (Hamidi et al. 2022)
  • Die Tiere kehrten sogar schneller zum entspannten Grasen zurück als nach einem Kontakt mit einem Elektrozaun. (Hamidi et al. 2022)
  • Bäume, Gewässer, Bodennester oder andere sensible Bereiche können gezielt von der Beweidung ausgeschlossen werden. (Campbell et al. 2020)

Auf Gut & Bösel werden rund 360 Rinder gehalten, die im Mob Grazing-Verfahren weiden. Herdenmanager Luciano Arangoitia berichtete beim Feldtag sowohl von deutlichen Arbeitserleichterungen als auch von praktischen Grenzen: Für Mob Grazing mit mehreren Umtrieben täglich ist das System derzeit noch nicht geeignet.

Bei schwacher Netzabdeckung, wie in Brandenburg üblich, dauert es lang, bis eine neue Grenze an alle Halsbänder übertragen ist. Dürfen einzelne Tiere bereits auf die neue Fläche, während andere noch warten, macht das die Herde unruhig. Auch der eigentliche Wechsel auf eine neue Fläche dauert länger als beim Öffnen einer sichtbaren Litze. Die Tiere suchen vorsichtig nach der neuen Parzelle. Hinzu kommen Ungenauigkeiten des GPS-Signals. Weicht die virtuelle Grenze um ein paar Meter vom eingezeichneten Verlauf ab, ist das auf einer großen Koppel oft unproblematisch – nicht aber bei sehr kleinen oder schmalen Parzellen.

Mob Grazing konnte während des Virtual-Fencing-Versuchs in Alt Madlitz also nicht umgesetzt werden. Stattdessen wurden neue Flächen einmal pro Tag in der Nacht freigeschaltet. Zu dieser Zeit suchen Rinder nicht nach Grenzen und am Morgen konnte die Herde gemeinsam weiterziehen. Lucianos Fazit war trotzdem positiv: Die Technik sollte dort genutzt werden, wo sie zur Herde, zur Fläche und zum betrieblichen Management passt. Aktuell müssen auf Gut & Bösel zum Beispiel die Färsen von der übrigen Herde getrennt werden, weil der Bulle mitläuft. Ohne Virtual Fencing wäre der erhöhte Aufwand mit zwei Herden kaum zu bewältigen. Ausbrüche kommen nach seiner Erfahrung übrigens etwa genauso häufig vor wie bei Elektrozäunen.

In der Diskussion mit den Wissenschaftler*innen vor Ort wurden weitere Kinderkrankheiten der Technologie deutlich. Technische Ausfälle sind möglich, und einzelne Tiere können ein Halsband abstreifen oder verlieren. Die Technik ersetzt daher weder die menschliche Kontrolle noch einen Außenzaun. Auch Kälber tragen noch keine eigenen Halsbänder, sondern laufen mit den Kühen mit. Luciano Arangoitia würde das System deswegen momentan nicht in einer Herde mit sehr jungen Kälbern einsetzen, wenn eine andere Tiergruppe zur Verfügung steht. Auch für Bullen wurden die Halsbänder im Versuch nicht getestet.

Trotz dieser Entwicklungspotentiale waren sich die Veranstalter*innen einig, dass Virtual Fencing die richtige Technik für die Zukunft ist. Nun muss sie raus in die Praxis, um weiterentwickelt zu werden. Allerdings ist die Nutzung in Deutschland derzeit nicht erlaubt. Das Tierschutzgesetz verbietet grundsätzlich die direkte Anwendung von Strom am Tier. Für Elektrozäune besteht eine Ausnahme, die sich rechtlich jedoch nicht automatisch übertragen lässt. Selbst für wissenschaftliche Untersuchungen sind Tierversuchsgenehmigungen nötig, die nach den Erfahrungen aus der Forschung nur schwer zu erhalten sind. Doch es gibt Hoffnung: In verschiedenen europäischen Ländern, darunter Norwegen, Dänemark, Spanien und das Vereinigte Königreich, wird Virtual Fencing bereits praktisch eingesetzt. Weltweit bieten mehrere Hersteller entsprechende Systeme an. Der gut Besuchte Feldtag auf Gut & Bösel zeigte, dass die Akzeptanz auch in Deutschland bereits da ist.

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